Das Leben in einem Koffer

Das Leben in einem Koffer

von priselotta

Kennt ihr das? Man mistet sein Zimmer aus, aber seltsamerweise sieht es hinterher nie wirklich leerer aus als vorher. Ich bin eine Sammlerin. Ich sammle Kerzen, Schnipsel, Zeitschriften, Zeitungsartikel, usw. Natürlich habe ich einige Klamotten und Schuhe. Einige DVDs und CDs besitze ich auch. Von meinen vielen Pferdekinderbüchern, von denen ich mich einfach nicht trennen kann, möchte ich gar nicht erst anfangen. Dann sind da noch jede Menge Ordner, Papiere, Fotos, Kleinkrams, … Zum Glück ging mein Umzug ins Studentenleben Häppchenweise von Statten, denn sonst wäre ich sicher von den vielen Kisten erschlagen worden. Von den Möbelstücken möchte ich hier gar nicht erst reden.

Worauf ich hinaus will, ist, dass ich immer viel zu viel Zeug habe, das ich eigentlich gar nicht brauche. Eigentlich nicht, aber eigentlich dann wieder doch! Irgendwann kann man alles gebrauchen. Oder rede ich mir das nur ein?
Durch Stef bin ich auf The Burning House aufmerksam geworden. Dort zeigen Menschen aus aller Welt auf einem Foto, was sie an persönlichen Habseligkeiten mitnehmen würden, wenn ihr Haus brennen würde. (Als ob man das alles so schnell zusammensuchen und abwägen könnte, aber nun gut, es ist wohl eher symbolisch gemeint.) Ich finde es nicht nur interessant, was die Symbolisch-Wohnungslosen mitnehmen, sondern auch wie sie es anordnen und präsentieren. Hier ist der Ordnungsfreak, da die Kreative und dort hinten die Unordentliche. Man kann allein schon aus dem Foto ungefähr herauslesen wir die Person tickt. Das finde ich sehr spannend, aber nun zum eigentlichen Thema.

In diesem Zuge habe ich mich gefragt, wie mein Leben und mein erweitertes Zimmer, also mein Koffer, mal aussehen werden. Ich möchte Theaterregiseurin werden. Wohl oder übel muss ich mich darauf einstellen, nicht an einem Theater festangestellt zu sein, sondern von Produktion zu Produktion, von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt im 6-Wochen-Rhythmus zu tingeln. Für was bleibt dann noch Platz im Koffer? Kleidung: okay. Schminke: okay. Schuhe: Na gut. Block und Stifte: Ja klar. Laptop: Muss sein. Aber was ist mit meinen Lieblingsfilmen, meinen Büchern, meinen CDs, meinen Fotos an der Wand? Soll ich das alles in einer gemieteten Garage aufbewahren? Oder bei meinen Eltern auf dem Dachboden?

Oder man hat alles in einem „Ding“. Das ist es ja, worauf die momentane mediale Entwicklung hinausläuft. Filme, Bücher, Musik, Fotos, Zeitungen und Zeitschriften vereinen sich in einem Medium und sind jederzeit abrufbar und anschaubar: Das Tablet. Oder meinetwegen der Laptop. Das zauberhafte Superdupermegatablet kann alles sein: E-Reader, Kamera (Foto+Film), Spiegel, Telefon, Internet, Musikplayer, Kalender, Notizblock… und ganz nebenbei hat es noch ausfahrbare Boxen und einen vergrößerbaren Bildschirm für das uneingeschränkte Homekinoerlebnis – oder wartet: das uneingeschränkte Unterwegs-wie-Zuhause-Kinoerlebnis.

Das Leben in einem Koffer

Fehlt nur noch, dass es sich beliebig in Abendkleid und Strandbikini verwandelt, man es als Handtuch oder Putzlappen verwenden kann und gleich noch als Klopapier wie in diesem Werbespot. Dann bräuchte ich noch nicht mal mehr einen dicken Koffer. Dann wäre mein gesamtes Hab und Gut auf eine minimalistische Fläche verkleinert und würde wunderbar in eine schöne Handtasche passen – eine Clutch selbstverständlich, denn was größeres brauche ich ja dann nicht mehr. Und der ganze Rest ist in meinem Verstand. Dann müsste ich mich auch nicht mehr mit einem schweren Koffer abschleppen, den ich ohnehin nicht auf die Bahngepäckablage hoch hieven kann… Leider ist in dieser Variante auch kein Platz mehr für einen zauberhaften Gentlemen, der mir den Koffer abnimmt, aber den zaubert mir mein Superdupermegatablet auch gleich herbei, denn wozu Bahnfahren, wenn man sich auch Tabletportieren kann? Von der Partnerbörse direkt in mein Hotelzimmer. Kein ewiges Anstehen für die Disco, keine schnoddrige Bar. Männer gibt es nur in meinem Tablet. Geile Sache… So ein Quatsch!

Für meinen großen Traum werde ich wohl Abstriche machen müssen. Dann habe ich eben nicht immer jeden Film dabei, den ich gerade sehen möchte oder jedes Paar Schuh, das jetzt zu dem und dem Outfit am besten passt. Ich denke, wir sind es gewohnt vieles von dem, was wir haben wollen, auch direkt zu bekommen, dass wir gar nicht merken wie viel spannender es wäre, wenn wir nur mit wenigen Utensilien ein bisschen improvisieren müssten. Das fördert die Kreativität und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Dinge selbst und nicht auf die Vielzahl von Dingen. Und genauso habe ich mehr Zeit, mich auf mich selbst und auf die Menschen um mich herum zu konzentrieren, wenn ich sozusagen nicht ständig den riesigen Koffer vor dem Kopf habe. Ich muss doch nicht immer mein ganzes Hab und Gut mit mir herumschleppen. Es reicht doch, wenn ich mich dabei habe, denn dann habe ich schon ziemlich viel dabei.

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